„Die Helden liegen alle schon am Friedhof“

· 13. Juli 2020 · Comments are off

„Grüß euch! Was gibt es Neues in der Stadt? War ein Einsatz?“

Jeden Tag werden wir, wenn wir zum Papa kommen, mit den gleichen Worten begrüßt. Wenn ich alleine komme, fragt er: „Was verschafft mir die Ehre, mein Engel? Wie geht es dir?“ Dann fragt er weiter: „Von wem bist du nochmal die Tochter? Ich hab es schon wieder vergessen. Ich vergesse in letzter Zeit viel.“ „Vom Wickerl!“ „Ah ja! Vom Wickerl! Du sagst es! Ich erinnere mich gut an ihn. Was war er nochmal für ein Jahrgang?“ „1930.“ „Ja, stimmt. Er war etwas älter als ich …“

Der Papa ist 1933 geboren worden. Immer wieder berichtet er davon, dass er als Junge in die Napola, eine Eliteschule des Führers, – damals eine große Auszeichnung -, gegangen ist. Ebenso erzählt er über das Fallen der Bomben im April 1944 und von den tiefen Kellern, die draußen vor der Stadt langsam verfallen und noch heute an die Zeit des Zweiten Weltkrieges erinnern. Von seiner Mutter, einer geborenen Wirtstochter, spricht der Papa täglich. Es sind immer die gleichen Dialoge mit haargenau den gleichen Worten, die wir führen. Ich höre für meine Begriffe nicht jedes Mal aufmerksam genug zu, was mir teilweise ein schlechtes Gewissen einbringt. Ob es dem Papa auffällt, dass ich ihm nicht ständig zu 100 Prozent meine Aufmerksamkeit schenke? Oft höre ich, in der Annahme, dass ich ohnehin alle seine Erzählungen bereits kenne, nur mit einem Ohr hin.

Beiläufig räume ich, wie jeden Abend, die Dinge, die er tagsüber herumgeräumt hat, wieder an den Ort, an den sie gehören, beispielsweise den Käse, der im Wohnzimmerkasten gelandet ist, in den Kühlschrank, den WC-Besen, der am Nachtkästchen im Zimmer, von dem der Papa so gerne hätte, dass wir darin einziehen, ins WC. Ich reiche ihm samt einem Glas Wasser seine Medikamente und erinnere ihn im Fünf-Minuten-Takt daran, diese zu schlucken, hebe Taschentücherfutzerln vom Fußboden auf, entsorge leere Plastikflaschen, werfe die Kronen-Zeitung vom Vortag, die neben der Information und Unterhaltung auch der zeitlichen Orientierung dient, ins Altpapier, bücke mich nach einem Teebeutel, der wie von Zauberhand unter die Thujen im vorderen Bereich des Gartens geraten ist, wasche die benutzten Gläser, Teller und Schneidbretter von Hand ab. Nachdem ich die im Wasserkocher befindliche Suppe ausgeleert und das Gerät von Nudeln, Erbsen, Karotten und Fleischstückchen gereinigt habe, die sich im Sieb verfangen und am Heizstab angeklebt haben, was mich zugegebenermaßen nervt und wovor mir an manchen Tagen auch graust, vor allem wenn es angebrannt riecht, koche ich einen frischen Tee. Genau so wie ihn der Papa gewohnt ist und wie er ihn gern hat: mit zwei Beuteln Kamillentee und vier Stück Süßstoff. Es gibt kaum Veränderungen. Gelegentlich koche ich Früchtetee. Eigentlich ist es sehr schlau vom Papa und, wenn man es recht bedenkt auch logisch nachvollziehbar, die Suppe im Wasserkocher zu erwärmen. Immerhin hat sein Sohn die Stromversorgung des Herdes durch Abschalten des FI-Schutzschalters unterbrochen und den Sicherungskasten versperrt, der Schlüssel ist versteckt, ebenso wie es auch die Streichhölzer und Kerzen sind.

Täglich bekommt der Papa eine Packung Mannerschnitten zum Nachtisch von mir. „Ich bin ja eigentlich kein Süßer“, erklärt er mir jeden Tag aufs Neue, aber seit seine Frau gestorben ist, brauche er etwas Süßes, ergänzt er. Die Freude über die erhaltene Nascherei, das Strahlen in seinem Gesicht, hat etwas von kindlicher Begeisterung und ist herzerwärmend. Er betont täglich, dass es ihm sehr gut gehe, sagt stets, dass er bis auf ein wenig Kreuzweh keine Schmerzen habe, dass es ihm an nichts fehlen würde, er könne alles essen und trinken, was ihm schmecke. „Bitteschön, ich bin kein Held! Denn die Helden liegen alle schon am Friedhof!“, stellt er immer wieder fest. Das Einzige, was ihm fehlt, sei seine Frau. Traurig gesteht er ein, wie sehr er sie vermissen würde. „Du musst wissen, wir haben uns bis ins hohe Alter geliebt. Auch körperlich!“, vertraut er mir täglich mit genau diesen, immer den gleichen Worten an und ich glaube ihm ungeschaut, im Gegensatz zu seinem zweifelnden Sohn, dass er seine Frau tatsächlich vermisst und er sie, wenngleich auf seine Art, geliebt hat, dass es nicht lediglich Gewohnheit gewesen war.

Die beiden waren mehr als 60 Jahre ein Paar gewesen und sind spät Eltern geworden. Der Papa erzählt jeden Tag beinahe ehrfürchtig davon, dass er niemals den Tag vergessen wird, an dem er von einer Geschäftsreise aus Hamburg nach Hause gekommen war und seine Frau ihm gesagt hätte, dass sie ein Kind erwarten würde. Wenngleich die Nachricht überraschend gekommen war, war die Freude groß gewesen, noch mehr, als schließlich ein Sohn geboren wurde. Ein Sohn, auf den der Papa, wie er stets bekräftigt, aufgrund dessen, dass dieser Kommandant ist, wahnsinnig stolz ist.

„Der Papa war so gut wie nie zu Hause. Wie kann ihm die Mamsch abgehen? Er vermisst wahrscheinlich, dass sie ihn von vorn bis hinten bedient hat. Sie ist jeden Tag um Fünf in der Früh aufgestanden und hat ihm sein Frühstück gemacht …“ Die Erinnerung trügt nicht, zahlreiche Tagebücher zeugen davon, dass das tatsächlich so war. Die Mamsch hat akribisch darüber Buch geführt, wann sie aufgestanden ist, was sie am jeweiligen Tag gekocht hat, wie viele Schillinge sie wofür ausgegeben hat, wie das Wetter war, wann der Herr Gemahl von der Arbeit nach Hause gekommen ist und ob er später am Abend noch zum Heurigen, zum Wirten oder zum Kegeln gegangen ist.

Jetzt wird der Papa von mir verhätschelt und betan. Ich weiß, dass ich ihn viel zu wenig fordere. Pflege mit den Händen in der Hosentasche? Hilfe zur Selbsthilfe? – Weit gefehlt!

Der Papa entstammt einer Generation, in der Männer sich nicht einmal ein Paar Würsteln wärmen mussten und es daher auch nicht konnten bzw. heute können. Ich habe allerdings sehr plausibel klingende Argumente, die mein unprofessionelles Tun legitimieren. Beispielsweise habe ich Bedenken, dass er die Bude abfackeln könnte, würden wir ihn mit der Mikrowelle hantieren lassen, weshalb ich tatsächlich sehr froh darüber bin, dass er rasch vergisst, dass er mir beim Bedienen des Gerätes zugesehen und dies mit einem „Ah, so geht das!“ kommentiert hat.

„Danke für euer Kommen!“ – Jeden Tag, ohne Ausnahme.

„Ich bin erleichtert, dass der Essenscup nicht vor der Tür steht“, sagte ich vorgestern Abend beim Kommen. „Ich war schon erleichtert, als ich gesehen hab, dass die Kronen-Zeitung nicht mehr im Postkasten ist“, bekam ich zur Antwort. Seit vergangenem Sonntag, als wir den Papa dehydriert, verwirrt und nackt am Boden vor seinem Bett liegend gefunden haben, sind die Sorgen um sein Wohlergehen deutlich gestiegen. „Ich habe vergessen, die Sesseln zu gießen. Deshalb sind sie eingegangen!“, hatte er erklärt.

Oberflächlich betrachtet ist der Papa trotz seiner fortgeschrittenen Demenz in einem sehr guten Allgemeinzustand. Bis vor kurzem konnte er noch täglich mit dem Taxi zum Wirten fahren um dort zu Mittag zu essen, mit seinem Rollator ging er zum Einkaufen zum nahegelegenen Spar. Dann kam Covid. Ich habe die Türen im Haus mit Zetteln beklebt, auf welchen in großen Buchstaben zu lesen stand, dass das Virus tödlich sei und es eine Ausgangssperre gäbe. Im Grunde genommen kam das Virus nicht ganz ungelegen, denn wir konnten ihn somit im Haus halten, wobei es, wenn ich ehrlich bin, tatsächlich mehr mein Bestreben war, da ich die Folgen eines Sturzes aufgrund meiner früheren beruflichen Tätigkeit als Diplomierte sehr viel deutlicher vor Augen habe und mein Blick auf die sich beim Papa bemerkbar machenden Defizite sicher etwas objektiver ist. Der Papa ist bereits ein Mal bei einer seiner Taxifahrten gestürzt und hart aufs Trottier geknallt, der Taxifahrer war mit der Situation vollkommen überfordert. Wenngleich nicht wirklich viel passiert war, so weiß man als einschlägig Vorgebildete, dass ein Sturz für einen Menschen in diesem Alter im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Etwas, das nahe Angehörige – Söhne beispielsweise – nicht gerne hören, geschweige denn wahrhaben wollen. Der Papa ist zwar kein Held, da diese bekanntlich schon alle auf dem Friedhof liegen, aber immer noch stark wie ein Felsen, unverwundbar, zumindest in den Augen seines Sohnes.

Covid sei Dank muss der Papa derzeit aufgrund der herrschenden Ansteckungsgefahr in seiner vertrauten Umgebung bleiben, wo das Risiko zu stürzen selbstredend weiter besteht, aber deutlich geringer ist, weil er von jedem am Boden liegenden Teppich auf dem Parkett weiß, dass dieser da liegt, er im Dunkeln jeden Lichtschalter findet, er jeden Türstaffel, die Möbel kennt … Neben der Erleichterung auf der einen Seite, dass der Papa das Grundstück derzeit nicht verlässt, nagt jedoch auf der anderen Seite das schlechte Gewissen an mir, weil wir eigentlich kein Recht dazu haben, ihn dazu zu animieren, das Haus nicht zu verlassen – Ansteckungsrisiko und Sturzgefahr hin oder her. Er ist ein freier Mensch. Er hat nicht nur das Recht auf Freiheit, sondern auch darauf, dass er stürzen und sich verletzen darf. Dennoch, wir würden es uns nicht verzeihen, wenn wir nicht für seine Sicherheit sorgen würden und ihm etwas Schlimmes, das durch Umsicht zu verhindern gewesen wäre, zustößt …

Der Papa hat sich erstaunlich schnell und gut daran gewöhnt, dass er sein Essen neuerdings auf Rädern geliefert bekommt. Nur einmal hat er angerufen und verzweifelt geklungen: „Mein Essen ist noch nicht gekommen. Es ist aber schon halb Zwei!“ „Papa, es ist halb Zwei in der Nacht!“ „Ach so. Na dann …“

Auch wenn es dem Papa körperlich eigentlich nicht schlecht geht, er – trotz Verlangsamung, gebückter Haltung, schlurfendem Gang und Schwindel – mit dem Rollator mobil ist, seine Ausscheidungen kontrollieren kann und sich keinen allzugroßen Gefahren aussetzt, wie beispielsweise die steilen Treppen in den Keller hinunter steigen zu wollen, so bin ich mir im Klaren darüber, dass dieser Zustand nicht mehr von langer Dauer sein und die Demenz rasch und unerbittlich fortschreiten wird, schneller noch seit dem Sturz am vergangenen Wochenende. Die Notrufuhr vom Roten Kreuz, die sich theoretisch an seinem Handgelenk befinden hätte sollen, hat am Nachtkästchen gelegen, – er hatte sie, wie er uns später erklärte, abmontiert gehabt, um sich morgens seine Weste besser anziehen zu können. Und so ist der Papa einige Stunden lang vollkommen hilflos am Teppichboden vor dem Bett seines Schlafzimmers gelegen, unfähig aufzustehen oder jemanden zu Hilfe zu rufen. Ein eigenartiges Gefühl, eine ungute Ahnung, hatte uns bereits ergriffen, als wir beim Kommen festgestellt hatten, dass er weder die Tageszeitung noch das Mittagessen ins Haus geholt hatte. Ich war es, die mit weichen Knien an die geschlossene Schlafzimmertüre geklopft und mit zittriger Stimme „alles in Ordnung bei dir?“ gefragt hatte. Wie erleichtert wir waren, als der Papa „ich raste mich nur aus!“ geantwortet hatte, lässt sich mit Worten gar nicht beschreiben. „Ich komme jetzt rein!“, hatte ich gesagt und, einer inneren Stimme folgend, ganz behutsam und langsam die Tür geöffnet, hinter der der Papa nackt, – wie wir später rekonstruierten -, vermutlich bereits seit den Morgenstunden, gelegen war. Wir hatten es beide nicht zu denken gewagt, kaum auszusprechen, dass wir ihn tot hätten finden können.

Nachdem die Rettung den Papa zur Abklärung von auf den ersten Blick nicht erkennbaren Verletzungen und zwecks Infundierens von Flüssigkeit ins Krankenhaus verfrachtet hatte, ehe er mitten in der Nacht nach telefonischer Vorankündigung aufgrund dessen, dass er auf der Internistischen Station herumgeirrt war und seine Frau, von der er glaubte, sie würde operiert werden, suchte, wieder in häusliche Pflege entlassen worden war, wurde uns endgültig bewusst, was wir insgeheim ohnehin schon seit längerer Zeit gewusst hatten, aber in der Vergangenheit nicht wahrhaben wollten, nämlich, dass es so nicht mehr weitergehen könne und wir beide aufgrund unserer beruflichen Tätigkeiten nicht dazu im Stand sind, die immer zeitaufwändiger und intensiver werdende Betreuung und Pflege, selbst wenn wir beide willens und bereit wären, zu übernehmen.

Seit drei Tagen liegt die bunte Informationsbroschüre des nahegelegenen Pflegeheims nunmehr schon bei uns zu Hause auf dem Wohnzimmertisch. Noch ist sie ungelesen …

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Über Katharina Birtner

geb. 1972, MSc Gesundheits- und Pflegepädagogin, Beziehungs- und Resonanzpädagogin, DGKS, DLSB Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl, Dipl. Heilmasseurin ...
Und vor Allem bin ich Mensch und denke aus ganzheitlicher Sicht!