Wohin mit Mutter?

Wohin mit Mutter?

Die Krankenhaustür schließt sich beinahe lautlos hinter ihnen. Die Beiden, Mutter und Sohn, stehen am Parkplatz. Unschlüssig. Die Mutter klammert sich an seinen Arm, schaut ihren Sohn hilfesuchend an. Er ist ratlos. Wohin mit ihr?
Die alte Dame war in letzter Zeit einige Male gestürzt, hatte sich zuletzt dabei den Oberarm gebrochen. Nun ist sie geheilt entlassen worden. Im Krankenhaus kann sie nicht bleiben. Sie kann aber auch nicht mehr in ihr Haus zurück, in das kleine Haus mit Garten, in dem sie seit 60 Jahren gelebt hat, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes alleine war. Sie ist nicht mehr in der Lage für sich selbst zu sorgen, kann nicht einkaufen, sich nicht waschen und ankleiden, nicht mehr kochen. Wohin mit ihr?
Der Arzt hatte lakonisch und unbarmherzig mitgeteilt: „Sie müssen sich auf betreutes Wohnen einstellen!“ Sie hatte ihm einen verächtlichen Blick zugeworfen. „Altersheim also?“, hatte sie nachgefragt. Nun war es nicht mehr wegzureden gewesen. Die Mutter hatte geschwiegen, ihre Miene war erfroren.Der Sohn fragt unsicher: „Und? Was jetzt?“ „Ich möchte nach Hause …“, sagt sie leise. Er fährt sie an: „Wie stellst du dir das vor …?“ Traurig und resignierend kommt von ihr: „Das weiß ich auch nicht …“
Seine Ratlosigkeit verwandelt sich in Ärger. Hätte er sich doch früher um einen guten Platz in einem Pflegeheim gekümmert. Früher, als sie noch jünger gewesen war, so um die 60, und halbwegs beieinander. Aber er hatte sich nicht mit Hilfsbedürftigkeit, Alter, Gebrechlichkeit beschäftigen wollen. Damals. Und auch später nicht. Das Alter war ein Tabuthema gewesen. Auch die Mutter war diesem Gedanken stets aus dem Weg gegangen. „Ich werde früh sterben!“, hatte sie, mit dem Verweis auf ihr schwaches Herz, betont. Nun ist sie über 80 Jahre. Trotz ihres schwachen Herzens. Und geistig hellwach. Wohin also mit ihr?
„Warum leben wir nicht in einer Großfamilie?“, schießt es dem Sohn durch den Kopf. „Da hätte Mutter behütet altern können. Dass ich sie täglich in ihrem Haus versorge, ist unmöglich. Die Berufstätigkeit!“, denkt er. Sein schlechtes Gewissen quält ihn.
In schon wenigen Jahren wird sich die Zahl derer Menschen, die in Altersheimen leben, vervielfachen, der Weg ins Pflegeheim wird zu einer Massenwanderung werden.
Es fällt ihm nicht leicht, die Mutter in ein Pflegeheim „abzuschieben“. Seine Gedanken machen ihn wütend. Im Befehlston sagt er zu ihr: „Mir ist ein Altersheim eingefallen. Das ist nicht weit entfernt. Da fahren wir jetzt hin!“
Die Mutter sinkt in sich zusammen. Starrt auf die Pflastersteine des Krankenhausparkplatzes. Einen kurzen Moment weidet sich der Sohn an ihrer Verzweiflung. Das ist die Strafe dafür, dass sie Gedanken über Krankheit, Alter, Gebrechlichkeit stets abgeblockt hat …

 

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Über Katharina Birtner

geb. 1972, MSc Gesundheits- und Pflegepädagogin, Beziehungs- und Resonanzpädagogin, DGKS, DLSB Logotherapie und Existenzanalyse nach Frankl, Dipl. Heilmasseurin ... Und vor Allem bin ich Mensch und denke aus ganzheitlicher Sicht!

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One Comment

  1. Wenn ich daran denke, dass manche Menschen bereits in Depressionen verfallen, wenn sie ihren 40. Geburtstag erreichen, kann ich mir vorstellen, dass der Weg ins Altersheim bis zuletzt verdrängt und für unmöglich gehalten wird.
    Andererseits gibt es Gott sei Dank auch Menschen, die in jedem Alter ihre Qualitäten sehen und sich darauf vorbereiten, auch den Schritt ins Altersheim zu gehen.
    Die Einen sinken in Verzweiflung, weil es ja die letzte Phase des Lebens einläutet, die Anderen leben im Heim auf, da sie ihre Zeit endlich nicht mehr in Einsamkeit verbringen müssen und sich umsorgt fühlen.
    Es hängt wie alles im Leben vom Blickwinkel der Betrachtung ab.

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